Wachau, 19. Mai 2026 – Das Europa-Forum Wachau 2026 hat heute intensive Debatten zu den drängendsten Herausforderungen der europäischen Zukunft geführt. Unter dem Motto „The Next 30“ diskutierten hochrangige Politiker, Militärs, Wirtschaftsvertreter und Wissenschaftler über Sicherheitsarchitekturen, digitale Souveränität und die Zukunft des Gesundheitssystems. Die Veranstaltung, die seit 30 Jahren als Plattform für transnationale Lösungsansätze dient, stand in diesem Jahr besonders im Zeichen der geopolitischen Verwerfungen und der Notwendigkeit europäischer Handlungsfähigkeit.
Sicherheit: Von Frieden zu Sicherheitsprojekt
Den Auftakt bildete eine Keynote von Verteidigungsministerin Klaudia Tanner, die die Transformation Europas von einem Friedens- zu einem Sicherheitsprojekt forderte. „Angesichts einer Weltordnung, die von Rivalität und Machtpolitik geprägt ist, muss Österreich seine Resilienz stärken und aktiv an der europäischen Verteidigungspolitik teilnehmen“, betonte Tanner. Ihr griechisches Pendant, Nikolaos Dendias, forderte einen radikalen Umbau der europäischen Verteidigungsstrategie auf vier Säulen: politischen Willen, industrielle Kapazitäten, Innovation und technologische Souveränität. Eine Überarbeitung des SAFE-Mechanismus wurde dabei als dringend notwendig hervorgehoben.
Anatolie Nosatîi, Verteidigungsminister der Republik Moldau, skizzierte, wie sein Land sich als strategischer Akteur in der Schwarzmeerregion positioniert – mit Fokus auf Modernisierung der Armee und europäischer Interoperabilität. Die anschließende Podiumsdiskussion unter Leitung von Sebastian Enskat (Konrad Adenauer Stiftung) mit Experten wie Carlo Masala (Universität der Bundeswehr) und Harald Vodosek (Bundesheer) unterstrich die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf Europas Verteidigungspolitik. Gefordert wurden eine „wehrhafte Gesellschaft“, die Stärkung der Rüstungsindustrie und die Anpassung veralteter bürokratischer Strukturen.
Rechtsanwalt Martin Schiefer warnte vor den Grenzen aktueller Regularien: „Wir kämpfen mit einer Regulatorik aus den 1950er-Jahren gegen heutige Bedrohungen. Dafür braucht es mehr Kooperation, mehr Geschwindigkeit – und vor allem die Einbindung aller Akteure, von der Zivilgesellschaft bis zur Industrie.“ Die Diskussionen machten deutlich: Ohne europäische Zusammenarbeit sei eine effiziente Lösung nicht möglich – doch selbst diese kooperative Herangehensweise stoße an Grenzen.
Gesundheitssystem: Zwischen Fachkräftemangel und Innovation
Ein zentrales Thema war die Zukunft des Gesundheitssystems. Landesrat Anton Kasser präsentierte Niederösterreichs „Gesundheitsplan 2040 Plus“, der auf Konsolidierung, neue ambulante Versorgungsformen und die Steigerung von Ausbildungsplätzen setzt. „Wir setzen auf Forschung – etwa am ISTA mit Prof. Kubin, wo wir in Kürze 2.500 Forscherinnen und Forscher beschäftigen werden“, erklärte Kasser. Elisabeth Bräutigam von der NÖ Landesgesundheitsagentur betonte den Anspruch auf flächendeckenden Zugang zu Spitzenmedizin, während Peter McDonald (ÖGK) finanzielle Herausforderungen und die Notwendigkeit besserer Kooperation zwischen Sozialversicherung und Bundesländern anmahnte.

Parallel diskutierte eine Expertenrunde über die Stärkung der regionalen Kliniken. Kasser verwies auf eine neu geschaffene Abteilung in der Landesgesundheitsagentur, die Forscher:innen bei der Überwindung bürokratischer Hürden unterstützt: „Unser Ziel ist es, dass sie forschen – nicht Papiere ausfüllen.“
Digitale Souveränität: Europas Wettlauf um die Zukunft
Die Session „Digitale Souveränität: Kann Europa noch aufholen?“ brachte Staatssekretär Alexander Pröll, Iulian Cosmin Margeloiu (Rumänien) sowie Vertreter der Wirtschaft wie Patricia Neumann (Siemens AG Österreich) und Thomas Arnoldner (A1 Telekom Austria) zusammen. Einig waren sich alle: Europa könne nur durch einen grundlegenden Wandel in Tempo und Mindset aufholen. Gefordert wurden die Überwindung nationaler Fragmentierung, gezielte Investitionen in Bildung und Infrastruktur sowie eine stärkere europäische Industriepolitik, um in Schlüsseltechnologien wie KI wettbewerbsfähig zu bleiben.
Im „Pharmig Salon“ wurde der Rückstand Europas im globalen Innovationswettbewerb thematisiert. Bürokratische Hürden, langsame Zulassungsverfahren und mangelndes Risikokapital wurden als Hauptgründe genannt. Walter Feichtinger betonte, dass pharmazeutische Produkte längst zu Instrumenten der Machtpolitik geworden seien – ein weiterer Grund für Europa, Forschung und Produktion zu stärken.
Industrielle Kooperationen und regionale Resilienz
Abschließend diskutierte ein Panel unter Leitung von ecoplus über die Notwendigkeit gesamtgesellschaftlicher Resilienz. Vertreten waren Nicolas Stockhammer, Claus Zeppelzauer, Reinhard Marak (WKÖ), Markus Singer und Peter Koren (Industriellenvereinigung). Sie analysierten die veränderte Sicherheitslage – geprägt von einer „Sattelzeit“ zwischen Terrorismus und staatlicher Destabilisierung – und forderten rechtliche Anpassungen für effizientere Wehrfähigkeit sowie verstärkte industrielle Kooperationen. Als zentrale Handlungsfelder wurden eine stärkere europäische Verteidigung, die Nutzung österreichischer Neutralität und die Stärkung geistiger Resilienz, insbesondere bei Jugendlichen, identifiziert.

Claus Zeppelzauer fasste zusammen: „Sicherheit, Innovation und Zusammenarbeit sind die Grundpfeiler einer resilienten und wettbewerbsfähigen europäischen Gesellschaft.“
Parallelforen: Technologie, Demokratie und Geopolitik
Neben den Hauptveranstaltungen fanden thematische Salons statt. Im „Google AI Salon“ diskutierte Christine Antlanger-Winter mit internationalen Experten über den Einsatz von KI in der öffentlichen Verwaltung und digitale Souveränität. Der „Millstätter Salon“ widmete sich der Stabilität demokratischer Institutionen in Zeiten globaler Unsicherheit, während im „IDM Danube Salon“ die Bedeutung regionaler Kooperationen für den Wiederaufbau der Ukraine und die europäische Integration im Donauraum im Mittelpunkt stand.
Frequently Asked Questions
Was sind die vier Säulen der neuen europäischen Verteidigungsstrategie, wie sie von Nikolaos Dendias vorgeschlagen wurden?
Dendias forderte einen Umbau auf vier Säulen: politischer Wille, industrielle Kapazität, Innovation und technologische Souveränität. Besonders betonte er die Notwendigkeit einer Überarbeitung des SAFE-Mechanismus.
Welche konkreten Maßnahmen sieht Niederösterreichs Gesundheitsplan 2040 Plus vor?
Der Plan setzt auf Konsolidierung des Systems, die Einführung neuer ambulanter Versorgungsformen und eine deutliche Steigerung der Ausbildungsplätze im Gesundheitssektor. Zudem wird die Forschung gestärkt – etwa durch die geplante Erweiterung des ISTA auf 2.500 Forscher:innen.
Welche Hindernisse werden für Europas digitale Souveränität genannt?
Vertreter aus Politik und Wirtschaft identifizierten nationale Fragmentierung, langsame Entscheidungsprozesse und mangelnde Investitionen in Bildung und Infrastruktur als zentrale Hürden. Gefordert wird ein grundlegender Wandel in Tempo und Kooperationsbereitschaft.
Wie bewerten Sie die Chancen, dass Europas aktuelle Reformdebatten zu konkreten Beschleunigungen führen – oder bleibt es bei den bekannten Forderungen nach mehr Tempo und Kooperation?